Einmal Nordkap und zurück
Mit dem Moped zum nördlichsten Punkt Skandinaviens
von Klaus Schmidt
Freunde von mir fahren regelmäßig mit Oldtimern zum Polarkreis. Coole Jungs, dachte ich immer. Bis ich Andreas Pfützner aus Hude traf. Der Unternehmer fährt auch zum Polarkreis. Auch mit einem Oldtimer. Aber mit einem ohne Dach über dem Kopf, mit nur zwei Rädern und einem Motörchen, dessen Hubraum gerade mal so groß ist wie ein Schnapsglas: 50 ccm. Und mit dem gewinnt er dann auch noch eine neunstündige Wettfahrt gegen eine Fähre. Aber da sind wir dann schon mitten drin in der Geschichte.
Die beginnt vor knapp anderthalb Jahren mit Andreas Pfützners 60. Geburtstag. „Da sollte es mal etwas Besonderes sein“, fand der Zweirad-Freak. Eine Fahrt zum Nordkap stand auf der Wunschliste ganz oben. Mit einem Fahrzeug, dem sein Herz gehört. Das Geburtstagskind, das man sich von der Statur her gut auf großen Bike vorstellen könnte, ist aber kein Fan dicker Maschinen, sondern liebt die kleinen Sachen. Mit alten Mopeds, die wegen ihrer kleinvolumigen Motoren früher auch schon mal als „Schnapsglas-Klasse“ bezeichnet wurden, beschäftigt er sich, solange er denken kann.
Seine Wahl für die Geburtstagstour fiel auf die Quickly. Ein nicht mehr ganz taufrisches Modell von NSU, was durchaus als Herausforderung bei der Bewältigung einer rund 5000 Kilometer langen Strecke innerhalb von drei Wochen gelten darf. Man kann darüber streiten, ob Pfützners Vertrauen in die Qualität der Quickly so groß war oder in seine Fähigkeiten als Schrauber. Im Nachhinein ist es egal. Pfützner und seinem Begleiter erging es „wie fast allen frühen Polarforschern bei ihrem Erstversuch. Es hat nicht geklappt.“
Zur Ehrenrettung der Quickly und ihres Besitzers muss man sagen, dass die Zielankunft weder an der Technik des Oldtimers noch an den navigatorischen Fähigkeiten Pfützners scheiterte. Es war schlicht die Pandemie, die die Ankunft verhinderte. Die Norweger schotteten ihre Grenzen ab. Ein paar Hundert Kilometer vor dem Nordkap war die Fahrt zu Ende, der Plan deswegen aber nicht aufgegeben: „Ich wußte jetzt, wir hätten es geschafft.“ Auf der Fahrt zurück reifte im Kopf schon die Idee für die nächste Nordkap-Tour.
Also wurde es nicht der 60., sondern der 61. Geburtstag, an dem sich Pfützner seinen Traum erfüllte, diesmal in Begleitung seines Freundes Uwe Peters. Der hat mit Mopeds eigentlich nichts am Hut, findet aber die Herausforderung spannend: „Mit dem Auto wäre ich da nicht hingefahren,“ gibt Peters zu, „aber mit dem Moped hat es mich gereizt.“ Um das Fahrzeug muss er sich keine Gedanken machen, da kann der Huder Unternehmer aushelfen, der für diesen Trip zwei Puch X50 mit Vierganggetriebe auswählt. „Das ist ein ideales Reisemoped. Man hat einen Durchstieg, braucht sein Bein also nicht über das Gepäck zu schwingen, hat eine gute Sitzposition und vor allem einen zuverlässigen Motor,“ begründet er seine Wahl.
Moped und Gepäck sind eigentlich ein Gegensatz. Während der Begleiter deshalb einen kleinen Anhänger favorisiert, baut sich der Huder einen großen Gepäckträger, um Wäsche für drei Wochen, Zelt und Schlafsack zu verstauen. Doch vom Camping haben die beiden Expeditionsteilnehmer schon nach einer Nacht die Nase voll. „Je weiter wir nach Norden kamen, desto kühler wurde es,“ erklärt Andreas Pfützen den Wechsel vom Zelt in feste Unterkünfte. „Wenn man den ganzen Tag auf dem Sattel hockt und friert, dann freut man sich abends auf ein warmes Quartier.“ Außerdem seien im Mai Quartiere preiswert zu haben. Da muss man sich nicht zusätzlich kasteien.
Das Programm ist auch so schon beschwerlich. Um die 300 Kilometer sitzen die beiden Tag für Tag auf den Mopeds und wundern sich, dass es noch Verrücktere gibt. Wie den Rennradfahrer aus der Schweiz, der sie lange Zeit begleitet. „Der war echt schnell,“ sagt Pfützner anerkennend, „der hat unseren 50er-Schnitt glatt mitgemacht.“ Mit viel Gepäck musste der Schweizer sich allerdings nicht abquälen; als Couchsurfer hatte er von vornherein auf Privatquartiere gesetzt.
Auch ohne Couchsurfing lernen der Huder und Uwe Peters auf ihrer Tour jede Menge freundliche Menschen kennen. Mit Mopeds gibt es keine großen Barrieren. Da ist man immer gleich im Gespräch. Auch mit den skandinavischen Ordnungshütern. „Aber die waren nur neugierig und immer hilfsbereit.“ Anders als jene Menschen, die es in riesigen SUV oder vierradgetriebenen Lkw zum Nordkap zieht. „Da haben wir mal son’n Ungetüm getroffen. Ein Monster Truck aus Deutschland, ein MAN 4x4 mit gefühlt einem Meter Bodenfreiheit. Da wollten wir uns zu einer Tasse Kaffee einladen lassen. Aber nicht mal das klappte. Das fand ich schon ein bisschen schade.“
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Sei’s drum. Die Tour entschädigt. Auch wenn das Wetter ganz plötzlich einen mehrtägigen Stopp erzwingt, als mitten im Mai meterhoher Schnee jedes Fortkommen unmöglich macht. Wenige Kilometer vor dem Nordkap scheint dichter Nebel und Straßenglätte noch einmal eine Pause nahezulegen. Doch Peters und Pfützner setzen sich trotz der widrigen Umstände in den Sattel. Anders als eine Gruppe von Motorradfahrern, die sich in mehrere Taxis schwingt, um die letzten Kilometer bis zum symbolträchtigen Foto am Nordkap zurückzulegen.
Mopeds und Fahrer überstehen die Tour ohne größere Pannen: Einmal ersetzt ein Zelthering mangels Originalersatzteil den gebrochenen Schalthebel, einmal wurde ein Kettenschloss erneuert, dann gab es noch eine Reifenpanne und ein defektes Radlager. „Für diese Strecke wirklich eine übersichtliche Bilanz,“ lobt Pfützner das Durchhaltevermögen der beiden Mopeds und freut sich nochmal über die große Hilfsbereitschaft, die sie bei den wenigen Pannen in Skandinavien erlebt haben.
Die größte Panne kommt dann kurz vor dem Schluss der Tour, und sie hat nichts mit Technik zu tun: Beim Check auf die Fähre in Göteborg zeigt sich, dass Pfützners Personalausweis um einige Tage abgelaufen ist. Es hilft kein Bitten und kein Betteln: Weder er noch sein Moped dürfen an Bord. Während Uwe Peters im Bauch der riesigen Fähre verschwindet, bleibt ein gefrusteter Pfützner allein am Kai zurück.
„Das war es also mit der gemeinsamen Tour“, denkt er und überlegt: „Das kann doch so nicht zu Ende gehen.“ Dann trifft er eine Entscheidung, die nur ermessen kann, wer selbst Moped fährt. Für die vielen anderen hier zur Erläuterung: Mit dem Moped zum Bäcker fahren, macht Spaß. 20 Kilometer mit dem Moped zur Arbeit fahren, das geht so. 300 Kilometer Tagestouren hält man aus. Aber nach einer 300 Kilometer Tagestour noch 470 Kilometer nachts auf dunklen Landstraße auf so einem Ding mit permanentem Vollgas, das ist der nackte Wahnsinn.
Aber genau das macht der Huder. Eine Stunde, bevor die Fähre in Göteborg ablegt, schmeißt Pfützner seinePuch an, dreht den Hebel auf bis zum Anschlag und donnert quer durch Dänemark bis nach Kiel. Zwei Stunden vor dem Anlegen der Fähre ist er am Ziel. Seitdem wissen wir, dass ein Moped schneller ist als die Fähre und Pfützner um die Erfahrung reicher, dass er so etwas in seinem Leben nicht noch einmal machen wird. Obwohl: „Als ich das Gesicht gesehen hab von Uwe, als er mich plötzlich da stehen sah, das war eine echte Belohnung für die Tortour.“
Das sieht man sogar auf einem Video: Ungläubiges Staunen, Freude und Frust vermischen sich bei Peters zu einem nicht ganz druckreifen Zitat, das wir mit Rücksicht auf zartere Seelen nur unvollständig und mit Punkten wiedergeben: Willst Du mich vera …“ , brach es aus Peters heraus, bevor er seinen Freund am Kai gerührt in die Arme schließt.
Eigentlich ein schöner Schluss, gäbe es nicht noch mehr über Andreas Pfützner zu erzählen, der natürlich wie ein echter Easy Rider auf dem Moped nie ohne Kutte unterwegs ist, die ihn als Mitglied der Storm Riders Ammerland ausweist. Den Club Namen darf man als sanfte Ironie verstehen. Durch die Beschränkung auf Eigner mit Maschinen der Schnapsglas-Klasse hält es sich mit dem Sturm in Grenzen, obwohl auch diese kleinen Motörchen zu beachtlichen Leistungen in der Lage sind, selbst auf der Rennstrecke.
Die ist aber nicht das Metier des Unternehmers aus Altmoorhausen. Der Fokus Pfützners liegt eindeutig auf Reisen - gern auch auf langen, wie die auf seiner Kutte dokumentierten Starts bei etlichen Moped-Marathons im In-und Ausland zeigen. Schön ist es natürlich, wenn man solche Erlebnisse teilen kann. Auch da hat der Huder Glück. Seine Lebensgefährtin ist fast immer dabei. Iris Reinerts liebt nicht nur ihn, sondern auch motorisierte Zweiräder. Besonders die Kleinen. 50 ccm sind eine stabile Verbindung.