von Klaus Schmidt
Da steht er vor mir, der R5 von Renault. So gut wie nietennagelneu. Und das anno 2025. Dabei läuft „mein“ R5 schon seit fast 30 Jahren nicht mehr vom Band. Ich betrachte seinen Nachfolger mit Skepsis. Nicht nur, weil sich da jemand traut, die Nachfolge eines Auto anzutreten, das als „kleiner Freund“ die Herzen mehrerer Generationen erobert hat. Mein Argwohn gilt vor allem einem elementaren Unterschied: Der „neue“ hat keinen Tankstutzen, sondern einen Stecker! Das fühlt sich für einen bekennenden Benzinjunkie wie mich wie Hochverrat an.
Sie merken schon: Ich bin vom alten Eisen. So alt, dass ich als über 21jähriger zumindest auf dem Papier schon als Erwachsener durchgehe, als Renault 1972 seinen R5 vorstellt. Ein niedliches Auto, in das sich bei Bedarf auch fünf Personen quetschen können. Und für Werbeaufnahmen passen notfalls noch fünf Kinder rein. Und selbst mit denen an Bord können wir locker einen VW-Käfer überholen, damals die Benchmark für einen Kleinwagen.
Mit den Gedanken an dieses genial einfache Auto betrachte ich seinen Nachfolger. Der macht als R5 E-TECH im Namen klar, dass bei Renault eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Technisch. Die Optik ist Gott-sei-Dank retro. Dieser Renault sieht nicht wie fast alle anderen Stromer aus wie ein Stück glatt gelutschter Seife, sondern wie ein richtiges Auto. Sein bulliger Auftritt erinnert an die Sportausführung des R5 mit den breiten Backen. Den zitiert er optisch so gelungen, dass sich bei mir tatsächlich ein bisschen R5-Feeling einstellt. Dieses Auto ist einfach knackig!
Das Interieur haut mich um. Pop-Kultur rundum. Mir gefällt’s. Sogar ausgesprochen gut. Gelb und grau zur blauen Außenhaut mit schwarzem Dach. Bin ich farbenblind oder altersmild, schlimmstenfalls beides? Dass ich mich inmitten schriller Farben pudelwohl fühlen könnte, hätte ich vor wenigen Minuten nicht für möglich gehalten. Liegt es an den Sitzen, die nicht nur sportlich aussehen, sondern auch durch Seitenhalt und Komfort überzeugen? Cool und mega gehören eigentlich nicht zu meinem Sprachgebrauch. Aber hier passt es.
Bildergalerie
- Bildgalerie R5
Aber ich bin nicht zur Sitzprobe gekommen, sondern für einen kurzen Probegalopp. Mehr als ein oberflächlicher Eindruck ist aber nicht drin: Die Batterie hat bei meinem Start nur noch 60 Prozent, und die Reichweite wird mit knapp über 200 Kilometern angezeigt. Zur Information: Ich sitze in einem E-TECH 150 Comfort Range, der mit 122 PS und einer elektrischen Reichweite von optimistischen 400 Kilometern für einen aktuellen Stromer eher zurückhaltend motorisiert ist. Dafür strapaziert er mit einem Preis von rund 32000 EUR das Budget auch nicht übermäßig. Und noch in diesem Jahr erscheint eine Basisversion für unter 25000 EUR, verspricht Renault.
Ohne alle Funktionen überprüft zu haben, bin ich doch überrascht ,wie intuitiv sich der Proband bedienen lässt. Und wer nicht weiter weiß, kann mit Reno kommunizieren, einem Avatar, der seinen Mitfahrern im Zwiegespräch auf die Sprünge hilft. Man darf Reno alles fragen. Vom kürzesten Weg bis zum Arbeitsplatz, über die Wetterlage und natürlich alle Details zu dem Auto, in dem man gerade sitzt. Macht Sinn, denn um die Tiefen der bis zu 26 angebotenen Assistenzsysteme auszuloten, ist nicht nur der digitale Analphabet, der gerade am Steuer sitzt, für fachlich fundierte Hilfe dankbar.
Diese Neuauflage des R5 ermöglicht einen elektrischen Lebensstil mit Technologien, die in diesem Segment bahnbrechend sind, behauptet der Hersteller und listet unter anderem das integrierte Open R Link Multimediasystem mit Google, den eben schon genannten Avatar sowie die V2G-Ladetechnik auf. Dieses Auto scheint mit der ganzen Welt vernetzt, Google sei Dank. Verschämt lasse ich mein neues i-phone in die Tasche gleiten. In diesem R5 brauche ich es nur zum telefonieren. Rund 30 Apps stellt mir das Auto zur Verfügung. Ich verzichte trotzdem auf das intime Geplauder mit Reno und drücke statt dessen den Starter-Button. Und es passiert - nichts! Denke ich zumindest. Denn der E-Motor ist so frei von Vibration und leise angesprungen, dass ich den Moment glatt verpasst habe. Nur im Display merke ich, dass es losgehen kann.
Es folgt die Erkenntnis, dass ich mit meiner Präferenz für Verbrenner viel verpasst habe. Beeindruckend, mit welcher Mühelosigkeit der elektrifizierte R5 Fahrt aufnimmt, nachdem ich den Hebel hinterm Lenkrad auf D wie Drive geschaltet habe. Die Beschleunigung von 0 auf 100 Kilometern mit rund 9 Sekunden ist für ein Stadtauto beeindruckend. Aber noch überzeugender ist, mit welcher Lässigkeit dieser Kleinwagen die Kraft auf die Straße zaubert. Für ein ähnlich souveränes Fahrerlebnis muss man sonst schon ein Auto der Oberklasse bemühen. Selbst Windgeräusche auf der Autobahn sind dank einer speziellen Frontscheibe bei Richtgeschwindigkeit nur dezent wahrnehmbar. Apropos Richtgeschwindigkeit: Viel schneller als 130 km/h läuft der R5 E-TEC nicht. Bei 150 Km/h wird elektronisch abgeriegelt.
Preis und Reichweite passen zum Etikett Stadtauto, mit dem Renault seine neueste Schöpfung vermarktet. Aber das Auto kann viel mehr. Der kleine Wendekreis, das automatische Einparken, die Länge von weniger als vier Meter sind zwar perfekt auf die Bedürfnisse von Großstädten zugeschnitten, aber genauso mühelos umrundet der R5 Biegungen aller Art auf Landstraßen, federt Straßenunebenheiten gekonnt ab und gleitet nervenschonend über die Autobahn.
Mehr Auto braucht eigentlich kein Mensch, wenn nicht eine Großfamilien transportiert oder das eigene Image poliert werden muss. Naja, bei Reichweite und Ladegeschwindigkeit gibt es aus der Sicht eines Vielfahrers noch Luft nach oben. Aber unter dem Strich verbindet dieser Stromer einen eigenständigen Charakter mit einem ausgesprochen interessanten Preis-Leistungsverhältnis. Ein Auto, das die Gene seines Vorgängers in die Neuzeit überträgt.
Das ist ein Ritterschlag. Denn wie gut und universell der R5 schon bei seiner ersten Auflage wirklich war, lässt sich noch heute erfahren. Unbezahlbar ist zudem das optimistische Lebensgefühl der 70er Jahre, dass der R5 als Oldtimer ungefiltert vermittelt. Das Leben ist einfach, nimm’s leicht. Dieses Auto ist heute ein Jungbrunnen. Das Schöne: Man kann seiner Technik auch nach über 30 Jahren noch immer vertrauen. Die Elektrik kann schon mal zicken - aber fahren tut er eigentlich immer und macht uns dabei glücklich.
Nicht nur als Familienkutsche, auch als Sportwagen. Mit Mittelmotor, ausgestellten Kotflügeln und 160 PS konnte er es mit allen zeitgenössischen Sportwagen aufnehmen - und selbst in der zivil aussehenden Alpine-Version mit rund 100 PS glich eine Fahrt bei Höchstgeschwindigkeit dem vielbeschworenen Ritt auf der Kanonenkugel. Der R5 bediente alle Facetten. Schon damals. Und auch heute wieder: Eine limitierte Sonderserie mit über 500 PS als Reminiszenz an den R5 Turbo 2 der 1980er Jahre steht schon in den Startlöchern. Vorbestellungen sind möglich. Das nötige Kleingeld vorausgesetzt